Buchbesprechungen

Inhalt:
Tarach, Tilman Der ewige Sündenbock
Feyerabend, Paul Wider den Methodenzwang
Flassbeck, Heiner Gescheitert
Burg, Avraham Hitler besiegen.
de Winter, Leon Das Recht auf Rückkehr
Küntzel, Matthias Die Deutschen und der Iran
Baum,Thilo Mach Dein Ding

Der ewige Sündenbock

Tilman Tarach dokumentiert ausführlich “die Verlogenheit der so genannten Linken im Nahostkonflikt”. Ob hier der Zusatz “so genannte” vor der Linken gerechtfertigt ist, sei dahingestellt. Ohne Zweifel gibt es einen mich merkwürdig anmutetenden Anti-Israelismus im linken Spektrum. Hiermit setzt Tarach sich auseinander. Er hat die häufigsten Legenden über Israel aufgespürt und auseinandergenommen. Er zitiert dabei viele Quellen, die nicht von vornherein als “zionistisch” und damit als parteilich abgelehnt werden können.

Einer der “antizionistischen” Kerngedanken ist das Märchen von der Gleichberechtigung der Juden in der muslimischen Welt, die angeblich aufgrund der Gründung Israels aufhörte.

Er zitiert Karl Marx, demzufolge die Juden bereits 1854 in Jerusalem die Mehrheit bildeten und “unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und Unduldsamkeit” waren.

Tarachs Buch demontiert auch andere Mythen und weist auch auf den Grund hin, warum verschiedene zweifelhafte nichtjüdische und jüdische “Antizionisten” derartig häufig in deutschen Medien auftreten: “Die zu jeder Zeit existierenden willigen, sich überall als Juden aufspielenden, opportunistischen, mitunter masochistischen” und “gerne vorgeführten “Raus-mit-uns”-Juden sind am ehesten in dieser Ecke zu finden. Einige davon sind übrigens klammheimlich zum Christentum übergetreten, und freiwillige Dhimmis gibt es natürlich auch in Israel.
Je nach gesellschaftlichem Umfeld besteht gegenüber Juden außerhalb Israels sogar ein gewisser gesellschaftlicher Anpassungsdruck, sich in aller Form vom israelischen Staat zu distanzieren, also gewissermaßen einen “koscheren” Antizionismus zu predigen; wer’s nicht tut, gilt als böser Zionist und halsstarriger “Hardliner”, wer’s tut, ist ein “guter Jude” wie weiland Johannes Pfefferkorn oder Pablo Christiani und wird mit Kultur- und Friedenspreisen überhäuft oder bekommt Orden wie Felicia Langer. Man kann dies tatsächlich an vielen prominenteren jüdischen “Israelkritikern” feststellen”.

Tarach bringt eine Fülle an Material zur Kenntnis des Lesers.
Der Autor hat sehr viele Quellen ausgewertet und das 299 Seiten umfassende Buch wird durch ein Literaturverzeichnis und Personenregister ergänzt, was heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Wider den Methodenzwang

Paul Feyerabends Wider den Methodenzwang löste bei seinem Erscheinen 1970 in philosophischen Kreisen wahre Schockwellen aus. Da stellt sich ein angeseheneer Erkenntnistheoretiker und Schüler des großen Karl Popper hin und verlangt ernsthaft, alle Regeln und methodischen Vorgaben in der Wissenschaft aufzugeben. Jede noch so absurde Idee soll man weiterverfolgen, auch wenn empirische Studien dagegen sprechen. Mit den Sophisten sei das Schwächere zum Stärkeren zu machen. Das Wort eines Laien soll ebenso viel gelten wie das Urteil eines Spezialisten. Forscher sollen so lange Unsinn reden, bis es Sinn ergibt. Klarheit, Präzision, Objektivität – die Lieblingskinder des kritischen Rationalismus – sind bloß ein fauler Zauber. Die Wissenschaft muss den Gralshütern der Wissenschaften entrissen werden und auf den Prüfstand der Allgemeinheit. Provokante Thesen, die in der Fachwelt als Skandal empfunden wurden und immer noch so empfunden werden. Trotzdem avancierte das Buch rasch zu einem Klassiker. Zu Recht, denn bei aller Polemik gegen die etablierten Wissenschaften, gegen eitle Forscher, arrogante Nobelpreisträger und autoritätshörige Studenten rührt Feyerabend an die Wurzeln unseres Selbstverständnisses, nämlich an die Bedingungen menschlicher Erkenntnis und der Auswirkung dieser Erkenntnis auf den gesellschaftlichen Prozess.
Das Buch habe ich mir als Lektüre für meinen Krankenhausaufenthalt mitgenommen. Wie es aussieht, ist es heute noch bedeutsamer als zum Zeitpunkt seines Erscheinens. Mittlerweile beherrschen Experten den Prozess der politischen Diskussion und der gesellschaftlichen Willensbildung und Urteilsfindung vom Rat der Wirtschaftsweisen bis zum Gutachter im Strafprozess. Feyerabend schreibt über seinen Essay: “Der vorliegende Essay wurde in der Überzeugung geschrieben, dass der Anarchismus vielleicht nicht gerade die anziehendeste politische Philosophie ist, aber gewiss eine ausgezeichnete Arznei für die Wissenschaften und die Philosophie.”
Streckenweise nicht leicht zu lesen, wenn man, wie ich, keine Ahnung von Physik hat. Aber es lohnt sich, an den Gedankengängen dranzubleiben. Eine eine wunderbare Aufforderung und Gelegenheit zum Selberdenken.

Gescheitert

„Woran leidet Deutschland? An zu hohen Kosten? An mangelnder Nachfrage? An zu hoher Regulierungsdichte? An einem inflexiblen Arbeitsmarkt? An zu viel oder an zu wenig Staat? Ich würde, wenn ich einen Strich unter alles, was vorgebracht wird, zu machen hätte, eine ganz andere Antwort geben: Deutschland leidet vor allem an einer gewaltigen Konfusion in wirtschaftlichen Fragen.“ Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der UNCTAD, tritt mit seinem Buch „Gescheitert – Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert“ an, diese Konfusion zu beenden.
Kurz und prägnant und mit einer gehörigen Wut im Bauch nimmt Flassbeck zu den wirtschaftspolitischen Plänen und Entscheidungen der Politik in den vergangenen Jahrzehnten Stellung. Gescheitert ist die Politik an den Fragen der deutschen Wiedervereinigung, der wirtschaftlichen Zusammenführung Europas und der Globalisierung. Gescheitert ist nach seinen Ausführungen die Reformpolitik ebenso wie die Wirtschaftspolitik im Hinblick auf den Arbeitslohn. Gescheitert ist diese Wirtschaftspolitik an der Konzeptionslosigkeit der Politiker und ihrer Ratgeber aus Ministerien und Wirtschaft. Flassbeck zeigt wiederholt an unterschiedlichen wirtschaftlichen Sachverhalten, wie sehr sich die Politik an eine Unternehmenslogik anlehnt und gesamtwirtschaftliche Probleme und deren Lösungen dabei aus den Augen verliert. Dies ist, folgt man Flassbecks Argumentation, keineswegs zufällig oder unbeabsichtigt. Vielmehr hat die Politik in seinen Augen vor der Wirtschaft kapituliert, dies sogar zum Schaden der Wirtschaft selber.
Hier schreibt kein Besserwisser und kein Lobbyist wirtschaftlicher Partikularinteressen, sondern jemand, der seit drei Jahrzehnten die deutsche Wirtschaftspolitik kritisch betrachtet und praktisch alle wichtigen Institutionen der Wirtschaftspolitik und der wirtschaftspolitischen Beratung in Deutschland aus eigener Mitarbeit kennt.

Wem beim Lesen dieses Buches nicht das eine oder andere Licht aufgeht, wird noch lange im Dunkeln sitzen.

Avraham Burg: Hitler besiegen.
Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Campus, Frankfurt/Main 2009, 280 S., 22,90 €

Das hier besprochene Buch ist von einem Israeli über Israel geschrieben worden, einem zwar abtrünnig gewordenen Israeli, aber einem Juden, dem es sogar um die seiner Ansicht nach gefährdete jüdische Spiritualität und somit jüdische Identität geht, und dem – das glaube ich immer noch – Israel nicht gleichgültig ist, der Frieden haben möchte, der aber mit der israelischen Gegenwart nicht zu Rande kommt. Burg beschreibt seine Leiden an dem, was er in seinem Land und an seinem Volk störend findet, ob das gerechtfertigt ist, oder nicht. Die Feinde dieses Volkes werden von ihm nicht angegriffen. Er sucht und findet die Schuld bei seinen Landsleuten. Das Buch handelt aber nicht zuletzt von Avraham Burg selbst. Dass Burg zugleich auch über Deutschland schreibt, ist zum einen seiner idealisierten deutschen „Jecke“-Herkunft geschuldet und zum anderen eine gegenwärtige Mode – die Israelis haben ja das „neue Deutschland“ entdeckt, auch wenn sie das erst seit einigen wenigen Jahren tun. Dass sie das tun, widerspricht wohl Burgs These von ihrer Shoah-Besessenheit, denn sie würden sonst Deutschland als Reiseziel doch sicherlich eher meiden. Dabei ist auch Burgs „Jecke-Herkunft“ eigentlich gar keine, denn seine Mutter stammte aus Hebron, d. h. „Palästina“, und, wie Burg „kleinlaut“ zugibt, war der Vater zwar in Dresden geboren, aber ein aus Ostgalizien stammender „Ostjude“. Er, wie die meisten „Ostjuden“, wollte unbedingt zu diesen kulturellen Vorbildern gehören, und auch sein Sohn möchte an diesem Erbe teilhaben, denn: „Die deutsch-jüdischen Einwanderer waren großartig. Sie bauten Fabriken und Stadtviertel, legten den Grundstein zur Hebrew University, unterstützten deren Forschung und bereicherten die kulturelle Landschaft.“ Aber Burg fährt in gekränktem Stolz fort: „Doch dann wandte Israel sich von ihnen ab, und da sie kultiviert und gebildet waren, drängten sie sich nicht in den Vordergrund. Obwohl heute die Erinnerung an sie nahezu verblasst ist und das moderne Israel sich von ihren Träumen und meinen naiven Kindheitserwartungen unterscheidet, möchte ich an ihnen festhalten und ihr Verschwinden für einige Zeit hinauszögern.“ Das sei ihm natürlich gegönnt – Träume sind frei. Da Burg zudem auch noch neben der israelischen die französische Staatsangehörigkeit besitzt, ist er ein freier Mensch und hat eine Wahl, sich einen Wohnort auszusuchen. Diese Wahlfreiheit haben die meisten Israelis, die dort ihre einzige Heimat fanden, nicht.

Störend an diesem Buch, das ja existentielle Probleme erörtert, sind zum einen der oft flapsige Stil (liegt es vielleicht an der Übersetzung aus dem Englischen?) und Verallgemeinerungen – es heißt immer wieder „die Israelis“, „die Zionisten“, „die Juden“-, die dem Buch oft die dem Thema angemessene Seriosität rauben. Ein Statement wie das folgende klingt nach Geschichtsklitterung: „Die Zionisten wollten die verhassten, verfolgten Juden in ihre historische Heimat im nahen Osten verpflanzen und damit Europa von ihnen befreien.“ Neben den – zugegeben oft kruden Ansichten Einzelner, die er wiedergibt -, schließt er beständig von Persönlichem auf das Kollektive und vom eigenen Ich auf das Allgemeine, etwa: „Ein Beobachter wie ich, der weder Forscher noch Überlebender ist und das Leben in vollen Zügen lebt, aber die unverminderte Wucht der Shoah spürt, muss ebenfalls irgendwo anfangen“. Und auch sonst kann ihm niemand und nichts etwas Recht machen: Vom Eichmannprozess – und Burg ist ein Gegner der Todesstrafe, was ihm unbenommen ist – spricht er m. E. ebenfalls in einem unangemessenen Ton: „Die Rechtsgladiatoren hatten bereits die Arena betreten, und die Zuschauer füllten schon die Tribünen im Volkshaus und wollten Blut sehen.“ Zwar kommen bei ihm, der einem apologetischen Mythos des Diasporajudentums nachhängt, die amerikanischen Juden in einem merkwürdigen Vergleich mit den israelischen insgesamt besser weg: „Der Unterschied zwischen dem integrativen Ansatz amerikanischer Juden und der Wiedererschaffung jüdischer Ghettos und Schtetl in Israel liegt auf der Hand.“, aber auch die Juden in Amerika leiden an einem angeblichen „Schuldkomplex der Shoah“, der sie zu blinden Parteigängern Israels mache, wiewohl gerade dadurch der Aufstieg der Ultraorthodoxen in Israel begünstigt und damit die Situation dort noch verschlimmert hatte. Und wie ein judaistisch gebildeter Mensch behaupten kann, das Chanukkafest sei erst von den Zionisten aufgebauscht worden, ist unbegreiflich, denn nie ist in der jüdischen Tradition das Fest als ein nationaler Feiertag vergessen worden. Auch lässt seine Behauptung den Kopf schütteln: „Israel muss sich von den Definitionen der Nürnberger Gesetze verabschieden – die jeden als Juden einstuften, der bis in die vierte Generation zurück Verbindung zu jüdischem Blut hatte“. Das entspricht keinesfalls der halachischen Position, die in Israel auch bezüglich der Konversionen zwar orthodox ausgelegt wird, wogegen man als liberaler Jude sein kann, aber nichts mit den Nürnberger Gesetzen zu tun hat. So schießt Burg des Öfteren über das Ziel hinaus, den Erkenntniswert des Buches leider erheblich mindernd.
Burg, ein Dalai Lama-Bewunderer, wirft den Israelis mit der „Shoah-Binde“ vor, sich nicht für andere Völker einzusetzen, die ebenfalls von Genozid betroffen sind, etwa in Ruanda oder im ehemaligem Jugoslawien. Dass es vor allem Juden sind, die z. B. den Mord in Darfur anprangern, bleibt unerwähnt. Vielleicht wird auch Burg bald ein neues Buch schreiben müssen, denn die aktuellen Nachrichten aus Israel klingen ganz anders als bei ihm dargestellt. Die Tatsache, dass Dachau und Rosh ha-Ayin dabei sind, einen Schüleraustausch zu vereinbaren, um daraus mit der Zeit eine Städtepartnerschaft zu entwickeln, ist eine Sensation und straft die Burgsche These Lügen: Es herrscht keine „Shoah-Epidemie“ und sie versperrt den Blick in die Zukunft nicht, weder in Israel noch hier, sondern liefert den Beweis, dass man in der Tat auch ohne Avraham Burgs „Visionen“ Hitler besiegen kann.
hagalil

Das Recht auf Rückkehr

Statt einer Buchbesprechung ein Auszug aus einem Interview mit dem Autor:

Im Moment ist die militärische Dominanz Israels in der Region gewaltig. Glauben Sie, eine Situation wie in ihrem Buch könnte tatsächlich eintreten - mit einem geschrumpften, von der Auslöschung bedrohten Israel?

De Winter: Wenn eine mächtige Nation ihre militärische Macht nicht voll nutzen kann, ist sie ohnmächtig. Israel kann seine volle militärische Macht nicht nutzen. Die Kollateralschäden, also die Zahl der toten Zivilisten, die das fordern würde, wäre zu groß, angesichts der Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft und der westlichen Medien. Aber die Israelis sind auch eingeschränkt durch ihre eigene Moral. Sie würden nicht blindlings hunderttausende Zivilisten in Gaza töten. Sie hätten die Möglichkeit dazu, aber sie tun es nicht. Ich mache mir allerdings keine Illusionen über die Bereitschaft der anderen Seite. Wenn die Palästinenser die militärischen Möglichkeiten Israels hätten, würden sie sie benutzen. Vielleicht verteufele ich die Palästinenser zu sehr, und dafür sollte ich mich entschuldigen. Aber es gibt viele Beispiele für Grausamkeiten gegenüber der israelischen Zivilbevölkerung.

Die Helden Ihres Buches halten trotz der verzweifelten Lage lange am Leben in Israel fest. Haben Sie selbst einmal daran gedacht, nach Tel Aviv zu ziehen?

De Winter: Ich habe das zionistische Projekt immer bewundert. Es ist ein atemberaubendes Abenteuer: Die Juden kehren in ihr ursprüngliches Heimatland zurück. Ins Land ihrer Väter. Mit dem heutigen Wissen hätte ich allerdings ein anderes Land ausgesucht, um einen sicheren Staat für Juden zu gründen. Ich persönlich habe nie davon geträumt, in Israel zu leben. Ich bin Europäer. Ich bin nicht religiös. Ich habe keine engen Familienverbindungen nach Israel. Und außerdem schaue ich nicht nach Osten. Ich bin da ganz Holländer: Wir schauen traditionell nach Westen, mit dem Rücken nach Europa. Das ist unsere natürliche Position: Aufs Meer zu schauen.
news.de

Die Deutschen und der Iran
Alte Kameraden
Henryk M. Broder

Wenn Sie sich allerdings wirklich und nachhaltig gruseln wollen, wenn Sie nach einer Geschichte suchen, die Ihnen nachts den Schlaf raubt und Sie tagsüber in einen Alptraum versetzt, dann besorgen Sie sich das eben erschienene Buch «Die Deutschen und der Iran» des Hamburger Politologen Matthias Küntzel. Und lassen Sie sich von dem ruhigen Titel nicht täuschen, das Buch ist aufregend und spannend, von der ersten bis zur letzten Seite.

Küntzel beschreibt «Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft» zwischen Deutschland und dem Iran (beziehungsweise Persien), von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis heute. Man könnte von einer Liebesaffäre zwischen zwei extrem ungleichen Partnern sprechen, die alle Kriege, Krisen und Kalamitäten überstanden hat.

Ob in Deutschland der Kaiser regierte, ein Gefreiter aus Österreich oder ein Sozialdemokrat, die deutsch-iranische Freundschaft stand nie zur Disposition, völlig unabhängig davon, wer in Teheran das Sagen hatte der Schah, eine durch Wahlen legitimierte Regierung oder eine Bande von Klerikern, die sich an die Macht geputscht hatte.

Schon Adolf Hitler, schreibt Küntzel, «wurde, solange er Kriege gewann, als der “Zwölfte Imam, als schiitischer Messias, verehrt». Später pflegte man erst einen «kritischen», dann einen «konstruktiven Dialog», immer mit dem Ziel, die deutsch-iranische Freundschaft über alle Zeitläufe zu bewahren.

«Wenn es etwas gibt, was jene hundertjährige Tradition auszeichnet», sagt Küntzel, dann war es die Unterdrückung von Menschenrechten und Demokratie, «mal im Iran, mal in Deutschland, mal in beiden Ländern zur gleichen Zeit».

Für eine solche Politik des Appeasements können wirtschaftliche Gründe allein nicht entscheidend sein. Die deutsche Wirtschaft macht zwar Milliardengeschäfte mit dem Iran, aber die machen nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte aus. Was ist es dann? Die «sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen», so Küntzel, «wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt».
Man könnte auch sagen: Alte Liebe rostet nicht.
juedische.at
erstmals publiziert in der Weltwoche 47, 19.11.09

Mach Dein Ding!
Thilo Baum, Eichborn-Verlag

Viele Menschen sind mit ihrer Arbeit unzufrieden und würden gerne etwas anders machen. Doch um wirklich etwas in Bewegung zu bringen, sind radikales Umdenken und danach Handeln erforderlich. Zu diesem Schluss kommt der Buch-Autor und Coach Thilo Baum http://www.thilo-baum.de in seinem neuesten Buch “Mach Dein Ding - Der Weg zu Glück und Erfolg im Job”, das nun im Eichborn-Verlag http://www.eichborn.de erschienen ist.

“Im heutigen Arbeitsleben dominieren immer noch Paradigmen, die längst überholt sind”, meint Baum im pressetext-Interview. “Wir stehen heute vor radikalen Veränderungen.” Eine der wichtigsten Veränderungen ist die Tatsache, dass der Satz “Such dir einen sicheren Job” längst ausgedient habe. Selbst für Angestellte sei es gefährlich, sich darauf zu verlassen. “Jeder Arbeitnehmer ist ein Anbieter seiner eigenen Arbeitsleistung”, so Baum. Das bedeute, dass auch er unternehmerisch denken sollte. Dessen sollte man sich bewusst werden.

Erkennen der eigenen Situation

“Die drei Grundfragen beim Überdenken der eigenen Arbeitssituation lauten: Was kann ich, was will ich und was sind andere bereit dafür zu zahlen”, so der Autor. Eine offene Auseinandersetzung damit, wie man seinen eigenen Autopiloten programmiert habe, gehöre ebenso dazu. “Merkwürdigerweise reagiert der Mensch oftmals nicht auf die Warnsignale, sondern agiert erst dann, wenn der Leidensdruck groß genug ist und der Abgrund vor Augen gelangt.” Dann erkenne man einen Handlungsbedarf.

“Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass Menschen sich verändern können. Die meisten tun es deshalb nicht, weil es ihnen nicht schlecht genug geht”, so Baum. Das sei ähnlich wie das Coaching-Beispiel mit dem Frosch, der in ein Schlagloch gefallen ist und erst dann den Weg heraus schaffte, als er von einem herannahenden Lastwagen bedroht wurde und handeln musste. “Sobald wir müssen, werden oft unmögliche Dinge möglich.”

Schule und Universitäten vermitteln falsches Wissen

“Viele Dinge, die man in der Schule und auf der Universität lernt, sind für das Arbeitsleben irrelevant”, kritisiert Baum. “Die wichtigsten Dinge - etwa Eigeninitiative und Eigenverantwortung - werden leider nicht vermittelt.” Schon bei der Auswahl der Lehrer setze man zu sehr auf die Bildung anstatt auf die Erfahrung eines Dozenten. In unseren Systemen werden Akademiker häufig überbewertet.

Das akademische Wissen sei nämlich nur eine Facette im Leben. “Gerade in wissenschaftsgläubigen Kreisen findet sich oft ein erstaunlicher Mangel an Professionalität durch fehlende Praxisrelevanz”, kritisiert Baum. Das gelte übrigens auch für den Ratgeber in der persönlichen Umgebung. “So wie Misserfolg und Demotivation ansteckend sind, sind auch Erfolg und Motivation ansteckend. Das heißt, dass man sich mit denjenigen treffen und einlassen sollte, die es bereits geschafft haben und nicht mit Theoretikern”, rät Baum.

Baum geht im Buch aber auch auf Zweifel und Fallen ein, die beim Weg zu Eigenverantwortung und Befreiung auftauchen. “Drei Dinge sind allerdings für die Gründung der neuen Existenz ganz wesentlich. Und das sind Geduld, Ausdauer und Motivation. Manche Geschäftsidee zeigt ihren Erfolg erst nach Jahren”, so Baum. Doch das sei im Angestelltenverhältnis wohl auch nicht anders.